Base on Balls: zwei Stimmen, zwei Ansätze, ein Baseball-Podcast
- Holger Schellkopf

- 10. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. März
Baseball erklärt sich nicht. Es passiert einfach — und wer einmal dabei war, versteht warum. Versteht, dass es um viel mehr geht als das, was direkt auf dem Feld passiert. Ja, es geht auch um Sport. Aber es geht ganz besonders um Culture, es geht um Lebensgefühl. Genau dieses Gefühl will „Base on Balls“, der neue Podcast der Plattform Innings, einfangen — und zwar für ein Publikum, das im deutschsprachigen Raum bislang niemand richtig abgeholt hat: Menschen, für die Baseball nie auf dem Lehrplan stand, aber irgendwo zwischen einem Toronto-Trip, einem Kendrick-Lamar-Video und einem Snapback-Cap unerklärlich tief in die Seele gefahren ist.
Niko Backspin und Julian Pollersbeck sind das unwahrscheinlichste und für diese Aufgabe gleichzeitig logischste Moderatorenduo des neuen Podcasts. Niko ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Hip-Hop-Szene. Seit langem ist er aber auch in Feldern wie Golf, Fußball, US-Sport und Gaming als Moderator und Producer tätig. Mit Serviceplan Culture steht er für Authentizität in der Hip-Hop-Kultur, journalistischen Anspruch und die Brücke zwischen urbaner Culture und Markenwelt. Das Baseball-Virus packte ihn im Alter von zwölf Jahren in einem Hotelzimmer in Toronto. Die World Series zwischen den Minnesota Twins und den Atlanta Braves lief zehn Tage am Stück über den Bildschirm; sein Onkel schickte ihm danach einen Holzschläger aus den USA. „Da war es um mich geschehen“, erinnert er sich.

Sein Mitspieler bei Base on Balls ist Julian Pollersbeck. Torhüter, Profifußballer, aktuell beim SSV Jahn Regensburg unter Vertrag. Er kam erst in der Pandemie über das Videospiel „MLB The Show“ zum echten Sport. Dann hat er sich aber sehr schnell zum absoluten Nerd in Sachen Baseball entwickelt, ist eingetaucht in Statistiken, Ergebnisse und was sonst alles gibt. Pollersbeck ist wie Backspin ein American-Sports-Freak, hat zuletzt für DAZN auch den Superbowl begleitet.Was beide außerdem verbindet: Sie lieben Baseball nicht trotz, sondern wegen seiner Komplexität. Und sie verstehen, dass diese Komplexität eine Sprache braucht, die nicht aus dem Lehrbuch kommt.
„Ich habe diese Sportarten zuerst über die Klamotten und Caps in US-Rapvideos kennengelernt. Ich wusste anfänglich gar nicht, dass die Miami Hurricanes kein Profi-Team sind — ich fand einfach den Merch fresh.“
— Niko Backspin
Das ist keine Schwäche. Das ist ein Einstiegstor. Und genau dieses Tor will „Base on Balls“ weit aufstoßen. Der Titel des Podcasts — englisch für den freien Gang nach vier Bällen — ist Programm: kein Strikeout, kein Force-out, keine Ablehnung. Nur der langsame, ehrliche Weg auf die erste Base. Wer ankommen will, darf gehen.
Culture als Eintrittskarte
Was Innings mit diesem Format versucht, ist radikaler als es auf den ersten Blick wirkt. Der klassische Sportjournalismus in Europa behandelt Baseball entweder als Kuriosität oder als erklärungsbedürftiges Phänomen. Statistiken werden übersetzt, Regeln vereinfacht, Kulturgrenzen geschlossen — als ob Baseball ein Exponat im Zoo wäre, das man dem Besucher behutsam näherbringen muss. „Base on Balls“ macht das Gegenteil: Der Podcast betritt den Sport als Einheimischer, nicht als Tourist.
Nikos Zugang über den Hip-Hop ist dabei kein rhetorisches Device, sondern biographische Wahrheit. Baseball und Black Music teilen in den USA eine Geschichte, die weit über das Stadion hinausgeht — von Jackie Robinson bis zu den frühen 2000ern, als Baseball-Caps plötzlich in unzähligen Rap-Videos auftauchten. „Wenn du in den USA an einer High School Baseball schaust und die ganze Stadt ist da, dann spürst du dieses Community-Gefühl“, sagt Niko. „Das ist wie eine Religion. Es geht um Geschichten, um Persönlichkeiten und um das Lebensgefühl — nicht darum, wie gerade die Shortstop-Situation bei den Kansas City Royals aussieht.“ Wer über diese Codes Bescheid weiß, versteht Baseball anders als jemand, der sich durch eine Box-Score-Tabelle arbeitet. Dieser Zugang ist legitim. Er ist sogar präzise.
Julian Pollersbeck bringt die andere Hälfte mit: den Blick des Profisportlers. Wer jahrelang auf höchstem Niveau als Torhüter gespielt hat, erkennt in einem Pitcher, der seinen Arm schont, oder einem Manager, der die Rotation neu ordnet, dieselben Abwägungen wie im Fußball. Er versteht Erschöpfung als taktische Variable. Er kennt den Unterschied zwischen medialer Inszenierung und echter Teamchemie. Diese Lesart macht den Podcast zu mehr als Fan-Content.
Julians Weg zum Baseball führte dabei von der Spielekonsole auf das Feld. Sein früherer Personal Coach Julius Spann war selbst Pitcher in der deutschen Nationalmannschaft. „Jedes Mal, wenn er bei mir in Lyon war, sind wir auf das Baseballfeld gefahren“, erzählt Julian. „Ich habe mir das komplette Equipment besorgt, über fünfzig Bälle bestellt und wir haben Defense- und Offense-Drills gemacht. Ich wollte einfach alles wissen.“ Das ist kein Hobby. Das ist Obsession — die einzige Form, in der tiefes Sportverstehen wachsen kann.
„Ich finde das College-Level fast noch faszinierender als die Profis, weil es so ‘back to the roots’ ist. Aber ich sehe es natürlich immer auch durch die Brille des Profisportlers.“
— Julian Pollersbeck
Zwischen Tokyo Dome und Citizens Bank Park
Ein Thema des Podcasts ist auch die Globalisierung des Spiels — und die kulturellen Reibungen, die dabei entstehen. Julian bringt es auf den Punkt: „In den USA ist im Stadion manchmal tote Hose, während im Tokyo Dome Fußballstimmung herrscht.“ Das ist nicht nur Anekdote. Es ist eine Frage nach dem Wesen des Sports: Gehört Leidenschaft dem Spiel oder dem Publikum? Gehört Baseball den Amerikanern, oder hat es sich längst verselbstständigt?
Die Antwort, die „Base on Balls“ andeutet, ist: keinem und allen. Der Hitter aus der Dominikanischen Republik, der nach einem Home Run Alarm macht und dafür Kritik kassiert, verkörpert eine andere Baseball-Kultur als der japanische Spieler, der in stiller Präzision brilliert. Aber beide sind echtes Baseball. Niko will die Brücke bauen: „Wir wollen die Leute abholen, die vielleicht auch von der Sprachbarriere abgeschreckt werden. "Wir wollen die Sports Culture teilen, ohne dass man erst ein Vokabelheft braucht.“
„Wir wollen Baseball aus der Nische holen und zeigen, dass man kein Statistik-Experte sein muss, um den Sport zu lieben.“
— Niko Backspin

Ein Baseball-Podcast, zwei Ansätze
Der Podcast steht für das, wofür die Plattform Innings steht: authentisch zwischen Hip-Hop und Home Run übersetzen, ohne dass eine der beiden Seiten für die andere vereinfacht wird.
Das Format von „Base on Balls“ ist dabei bewusst zweigleisig angelegt: Julian ist, wie Niko es nennt, sein „Mastermind“ — derjenige, der hilft, die MLB und die Deutsche Baseball Liga für neue Ohren zu entschlüsseln. „Wir wollen zeigen, dass es auch cool sein kann, mal nach Dortmund oder Heidenheim zum Baseball zu fahren“, sagt Niko. Deshalb unterhalten sich die beiden auch regelmäßig über aktuelle Ereignisse in der großen Baseball-Welt.Die zweite Spur gehört der Culture, vertieft und erweitert die Geschichten, die auf Innings zu lesen sind. Es ist keine Entweder-oder-Entscheidung, es ist beides zusammen.
Der Podcast „Base on Balls“ ist so gesehen kein Produkt für Baseball-Fans. Es ist ein Produkt für Menschen, die verstehen wollen, warum sie schon immer Baseball-Fans waren, ohne es überhaupt gewusst zu haben.
Natürlich gibt es dabei auch Emotionen. Niko Backspin glaubt fest daran, dass seine Toronto Blue Jays in dieser Saison die World Series gewinnen. „Seit meiner Zeit in Toronto bin ich den Blue Jays treu“, sagt er. „Das Logo, die Familie, alles passt. Und ich sage es hier ganz deutlich: "Dieses Jahr werden sie die World Series gewinnen!“ Julian Pollersbeck hält zu den Titelverteidigern, den Dodgers, schon wegen Mookie Betts. Er liebt aber auch die Phillies, weil die Fans im Citizens Bank Park „völlig irre“ sind: „Das ist genau die Energie, die ich am Baseball liebe.“ Beide Vorhersagen können falsch sein. Die Energie hinter ihnen ist echt.
"Base on Balls" gibt es ab dem 20. März - überall, wo es Podcasts gibt.



