42, Ohtani und die Frage, wann die MLB nach Deutschland kommt
- Niko Backspin

- 17. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Jackie Robinson Day, Shohei Ohtani als modernem Babe Ruth, dem neuen Pitch Clock, automatischen Streikzonen und der ewigen Frage: Wann spielt die MLB endlich in Deutschland? Folge drei von Base on Balls ist ein Stimmungsbild der Saison — und ein kleines Manifest darüber, warum Baseball mehr ist als Sport.
Dritte Folge. Das bedeutet bei einem neuen Podcast: Es geht nicht mehr ums Vorstellen, nicht mehr ums Erklären der eigenen Existenz. Es geht ums Spielen. Und genau das machen Niko Backspin und Julian Pollersbeck in der jüngsten Ausgabe von „Base on Balls“ — sie spielen. Sie reden über Baseball, wie man über Baseball reden sollte: ohne Angst vor zu viel Wissen, ohne Angst vor zu wenig.
Das Ergebnis ist eine Episode, die zwischen Gedenktag und Gegenwartsanalyse, zwischen MLB-Saisonstart und DBL-Alltag pendelt — und dabei nie vergisst, warum der Sport überhaupt interessant ist. Nicht wegen der Statistiken. Wegen der Geschichten.
42 — Eine Nummer, die alle tragen
Den Auftakt macht ein Datum: Jackie Robinson Day. Jährlich am 15. April ehrt die MLB den Mann, der 1947 als erster Afroamerikaner in der Major League Baseball spielte — und damit weit mehr veränderte als nur ein Spielfeld. An diesem Tag dürfen alle Spieler, die möchten, die Nummer 42 tragen — jene Nummer, die die Liga offiziell aus dem Verkehr gezogen hat. Kein Spieler trägt sie mehr im regulären Betrieb. Nur dieser eine Tag im Jahr gehört sie wieder allen.
Julian erklärt das mit der Präzision eines Insiders und der Wärme eines Fans. Der letzte aktive Spieler, der die 42 regulär trug, war Mariano Rivera von den New York Yankees — einer der größten Closer der Geschichte, dem die Liga als besondere Ehre gestattete, sie zu behalten, bis er 2013 in Rente ging.
Niko kommt über einen anderen Zugang: Hip-Hop. „Return of the Crooklyn Dodgers“, ein Track aus den 90ern, hatte einen Baseball-Kommentar als Intro. Dort: Jackie Robinson. „So hab ich den Namen das erste Mal wirklich gehört“, sagt Niko. Das ist kein Zufall, sondern System — Baseball und Black Music haben in den USA eine Geschichte, die weit über Stadionmauern hinausgeht.
Der Filmtipp beider: „42“ — das Biopic, das Robinsons Weg in die Major League erzählt. Es ist, wie Julian sagt, „kein Sportfilm. Es ist ein Film darüber, wie weit ein Mensch gehen muss, damit sich die Welt ändert.“ Verfügbar bei Apple TV, Amazon Prime und Magenta TV.
Ohtani — Das Einhorn
Vom historischen Helden zum lebenden: Shohei Ohtani. Designated Hitter und Starting Pitcher der Los Angeles Dodgers. Zwei-Wege-Spieler in einer Liga, die das System seit Jahrzehnten nicht vorgesehen hat. Julian versucht zu erklären, warum das so absurd ist wie es klingt: „Normalerweise entscheidet sich spätestens im College, ob du Pitcher oder Hitter wirst. Wenn du in beidem so gut bist wie Ohtani — nicht ein bisschen gut, sondern unter den Top 10 der Liga — dann bist du schlicht eine andere Spezies.“
In der abgelaufenen Saison schlug Ohtani mehr als 50 Home Runs — und stahl mehr als 50 Bases. Beides in einer Saison. Erstmals in der Geschichte der MLB. Dazu zählt er auf dem Mound zu den besten Pitchern der Liga. „Er ist ein Cheat Code für das ganze Spiel“, sagt Niko, und er meint es nicht als Übertreibung.
700 Millionen Dollar. Zehn Jahre. Einer der größten Verträge der Sportgeschichte. Und er nimmt davon nur 2 Millionen pro Jahr — der Rest ist „deferred money“, ausgezahlt nach Karriereende. Der Mann sponsert sich quasi selbst, weil er in Japan Gottsstatus hat und allein über Werbeverträge 100 Millionen Dollar jährlich verdient. Ohtani ist längst größer als Baseball — er ist eine globale Marke, die zufällig auch der beste Spieler der Welt ist.
Niko zieht den Vergleich, den viele ziehen, aber selten so präzise begründen: Michael Jordan, Tiger Woods, Tom Brady. Athleten, die ihren Sport vergrößerten, indem sie über ihn hinauswuchsen. Ohtani ist möglicherweise der nächste in dieser Reihe.

Blue Jays, Pirates und die Kunst des langen Atems
Dann: Wo stehen wir Mitte April? Die MLB-Saison hat begonnen, der DBL-Start ist überstanden. Niko schaut auf die Tabelle, Julian interpretiert sie.
Toronto Blue Jays — Nikos Herzensclub — hatten keinen guten Start. 6 Siege, 9 Niederlagen nach 15, 16 Spielen. Julian mahnt zur Ruhe: „Ein Zehntel der Saison sagt noch gar nichts.“ 162 Spiele sind ein Marathon, kein Sprint. Wer im April heiß läuft, kann im September straucheln. Und umgekehrt.
Geheimtipp der Folge: die Pittsburgh Pirates. 19-jähriger Rookie-Shortstop Konnor Griffin, der direkt liefert. Und Paul Skenes auf dem Mound — für Julian „der elektrisierendste Pitcher der Liga“. Pittsburgh als Stadt, Pittsburgh als Storyline. Manchmal braucht man keinen großen Payroll, nur den richtigen Moment.
Andere Beobachtungen: Die Colorado Rockies sind „chronisch schlecht“, weil sie sich bewusst so positionieren — tanken, draf-ten, irgendwann gewinnen. Die Cubs: zu viel Talent für die aktuelle Platzierung, wird sich ändern. Die Mets: teuer, kompliziert, spannend wie immer.
Pitch Clock und ABS — Baseball wird moderner
Ein großes Thema dieser Saison, das viele Fans noch nicht auf dem Schirm haben: die technischen Veränderungen am Spiel selbst. Der Pitch Clock ist nicht neu, aber er greift inzwischen tief: 15 Sekunden hat der Pitcher, um seinen nächsten Pitch zu starten. Der Hitter muss binnen 8 Sekunden in Position sein. Wer zu spät ist, bekommt eine Strafball beziehungsweise einen Strikezählung aufgebrummt.
Das Ergebnis: Spiele dauern im Schnitt über 20 Minuten weniger. Ein Baseball-Game ist oft kürzer als im Fußball ein Bundesliga-Spiel mit Nachspielzeit.
„Ich schau manchmal ein Spiel und denk: Ist das schon vorbei? Das war wie drei Minuten“, staunt Julian Pollersbeck.
Noch spannender: das ABS-System, Automated Ball-Strike. Der Home-Plate-Schiedsrichter bleibt — aber Pitcher, Catcher und Hitter können seine Entscheidungen anfechten. Zwei Challenges pro Team. Richtig gelegen: Challenge bleibt. Falsch: weg. Wie beim Tennis-Hawkeye.
Das Publikum feiert es. In Cincinnati gab es Szenen, in denen der Jubel bei einer erfolgreichen Challenge lauter war als bei einem Home Run. Die MLB hat selbst nicht erwartet, dass dieses System so schnell zum Entertainment-Faktor wird. Aber es ist einer. Weil es Spannung erzeugt, wo früher nur Frustration war.

MLB in Deutschland — Wunsch, keine Utopie
Zum Schluss: die große Frage. Wann kommt die MLB nach Deutschland? London hat seit Jahren seine Serie — zwei Spiele pro Jahr im Tottenham Hotspur Stadium oder im London Stadium. Der Effekt in Deutschland: verhalten. Man hört davon. Man schaut vielleicht ein Highlight. Aber es ist nicht dasselbe wie ein Spiel im eigenen Land.
Niko hat eine Vision: Ein MLB-Spiel im Jackie-Robinson-Park der Hamburg Steelers. Provisorisch, klar. Aber Field of Dreams hat es vorgemacht — ein Spiel auf einem improvisierten Feld in Iowa, umringt von Maisfeldern, wurde zum emotionalsten Moment der MLB-Saison 2021. „In vielen Ländern ist Baseball die Nummer eins. In Japan ist es Religion. "Ohtani verdient 100 Millionen im Jahr durch Sponsoring — und fast alles davon kommt aus Japan.“
Julian erinnert auch daran, dass die MLB längst andere Wege geht: Golfer Cameron Young trägt das MLB-Logo auf seinem Handtuch auf der Tour. Kein Baseballbezug, nur das Logo. Nur die Idee, dass Baseball in Kontexten stattfinden kann, die man nicht erwartet. Das ist Cultural Positioning — und genau das, wofür Innings steht. Deutschland ist kein Markt, der wartet. Deutschland ist ein Markt, der noch entdeckt werden muss. Innings und Base on Balls sind ein Teil dieser Entdeckung.
DBL: Saison läuft, Pollersbeck wirft
Kurz und bündig: Die Deutsche Baseball Liga hat ihren Start hinter sich. Viele Runs, viele Punkte — Julian findet das gut. „Wenn viel passiert, ist es attraktiver.“ Die Guggenberger Legionäre in Regensburg, Julians aktuelle Heimat, und Meister Heidenheim Heideköpfe gelten als erneut Titelkandidaten. Die Bonn Capitals haben Simon Bäumer verpflichtet, ehemals Regensburg, und damit möglicherweise den besten deutschen Hitter der Liga.
Julian hat zusätzlich eine Ankündigung: Er wird beim nächsten Heimspiel der Legionäre den First Pitch werfen. Er sagt, er sei „born ready“. Niko sagt, er möchte sich lieber die Menschen anschauen, die dabei sein werden, als den Pitch selbst. Beide freuen sich. Das ist Baseball.
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