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Metallica, Mariano und Baseball in Berlin

Chris Rodriguez ist Musiker, Orioles-Fan und trägt Baseball-Caps nicht als Accessoire, sondern als Identität. Im Interview spricht er über seinen kubanischen Ursprungsmoment in Berlin, Mariano Rivera und die Frage, warum Baseball der einzige Sport ist, der sein Leben wirklich durchzieht. Und natürlich über seine Baseball-Playlist für Innings.



Innings Redaktion: Chris, wann hast du zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass Baseball und Musik irgendwie zusammengehören? War das ein konkreter Moment — ein Video, ein Song, ein Bild?

Chris Rodriguez: Tatsächlich sind Baseball und das aktive Musikmachen fast gleichzeitig Mitte der 90er Jahre in mein Leben getreten. Als ich dann kurz danach mit der Familie meines damaligen besten Freundes an die US-Ostküste gereist bin, habe ich zum ersten Mal auch wirklich Baseball im TV schauen können. Und da wurde mir auf einmal bewusst, wie viel die Musik selbst vorm Fernseher mein Erlebnis verändert hat, sei es bei den Walk-Ups oder den Highlight Reels.


Und wenn du ehrlich bist: Hast du Baseball eher über die Musik entdeckt — oder über den Sport selbst?

Ich habe Baseball unabhängig von Musik kennengelernt. Ein kubanischer Bekannter begann in Berlin Baseball zu spielen und brachte zwei Handschuhe und einen Ball mit. Nach zehn Minuten Hin-und-Herwerfen war mir klar, das ist mein Sport, das möchte ich gern machen.


Chris Rodriguez, Bassist der Band Revolverheld
Chris Rodriguez von Relvolerheld / (c) Germaine Nassal

Jay-Z hat mal gesagt, er habe den Yankee Hat berühmter gemacht als jeder Yankee-Spieler es je könnte. Wenn du an deine Karriere denkst — war Baseball-Ästhetik jemals bewusst Teil deines Bildes? Oder ist sie einfach so reingerutscht, ohne großes Konzept dahinter?


Ich hab relativ schnell im gleichen Verein wie der kubanische Bekannte angefangen, bei den Berlin Bats. Ich habe gefühlt da zum ersten Mal ein Cap aufgesetzt und habe von da an zu fast jeder Gelegenheit mein Baseball-Cap aufgehabt, einfach weil ich stolz war, Teil der Mannschaft zu sein und weil ich den Look einfach gut fand und finde. Ich war auch immer sehr unzufrieden mit meiner Frisur, da kam das sehr gelegen. Mein eigenes Trikot habe ich dann auch immer mal wieder außerhalb des Spielfelds getragen.


Eine Baseball-Playlist für Innings


Baseball-Caps tauchen auch in unzähligen deutschen Musikvideos auf. Du bist selbst oft mit einem Crossed-Bats-Cap zu sehen — welche Rolle spielt das für dich persönlich? Bewusstes Statement, oder einfach Teil einer visuellen Sprache, die man irgendwann übernimmt?


Auf jeden Fall ist das ganz bewusst. Ich würde fast behaupten, dass meine Caps, von denen ich inzwischen circa 100 habe, das einzige Mode-Accessoire sind, das ich bewusst jeden Tag auswähle. Ich habe noch eine ganze Weile das Cap meines letzten Berliner Vereins, den Berlin Challengers, getragen, weil ich mich einfach sehr viel darüber identifiziert hab und meinem Team auch ein bisschen hinterher getrauert habe. Dann fand ich auf der Suche nach Baltimore Orioles Caps den „justfitteds“-Laden in Hamburg. Und daraus ist inzwischen echt eine kleine Cap-Freundschaft entstanden. Ich würde fast behaupten, dass das ein bisschen mein Trademark ist. Habe ich kein Cap auf, erkennen mich teilweise nicht mal meine Freunde sofort.


Du kuratierst ab sofort eine Playlist für Innings. Was ist dein Prinzip dahinter — suchst du Songs, die explizit Baseball erwähnen? Oder geht es dir eher um ein Gefühl, eine Energie, die zum Sport passt?

Kaum eine Sportart ist so breitgefächert wie Baseball, was die Musik angeht. Hip-Hop, Rock, Country, Latin, alles ist bei den Batter- und Pitcher-Walkups zu hören. Deshalb gibt es für mich auch gar nicht „Das“ Baseball-Gefühl bei Musik. In der Playlist sind Songs, die mich in meinem Leben mit Baseball begleitet haben, wie zum Beispiel in Game- oder Film-Soundtracks. Oder eben Songs, die sich wirklich um Baseball drehen, wie zum Beispiel „Glory Days“ von Bruce Springsteen.



Baseball hat diese ganz besondere Dramaturgie: lange, fast meditative Pausen — und dann ein einziger explosiver Moment. Walk-Off-Homer, Bottom of the Ninth, zwei Outs, volle Bases. Gibt es Songs, die für dich genau diese Spannung einfangen? Diese Mischung aus Geduld und absolutem Ausbruch?

Es gibt Konzerte, da sind die Leute vor der Bühne ein bisschen träger, sag ich mal. Und dann weißt du aber, dass auf der Setlist noch ein, zwei Banger sind, zu dem alle komplett eskalieren werden — das ist dann schon sehr vergleichbar mit einem Baseball-Spiel.


“Alles an seinem Spiel geliebt”


Wenn du drei Songs nennen müsstest, die auf keiner Baseball-Playlist fehlen dürfen — welche wären das? Und warum genau diese?

„Empire State of Mind“ von Jay-Z, einfach weil es einer meiner liebsten Hip-Hop-Songs ist und ich den unterschwelligen Diss an die New York Yankees als Orioles-Fan sehr feiere. „Wild Thing“ von The Troggs, weil ich keinen Baseballfilm so oft gesehen habe wie „Die Indianer von Cleveland“ aka „Major League“ und der Walk-Up von Charlie Sheen mit seiner Brille sowas von iconic ist. „Enter Sandman“ von Metallica, die Einlaufmusik des wahrscheinlich besten Closing-Pitchers aller Zeiten, Mariano Rivera. Als er 2013 das letzte Mal den Mound betreten hat, hatte ich Gänsehaut.


Niko Backspin beschreibt im Innings-Podcast seinen ersten Baseball-Moment als Zwölfjähriger in einem Hotelzimmer in Toronto — zehn Tage World Series am Stück, danach schickte ihm sein Onkel einen Holzschläger aus den USA. Hast du so einen Ursprungsmoment mit Baseball?

Es gibt zwei Momente. Einmal das erste Ball-Werfen, wo es sofort um mich geschehen war. Der zweite Moment war dann an der Ostküste, als ich fast jeden Tag Orioles Baseball schauen konnte und meinen Lieblingsspieler Cal Ripken Jr. zum ersten Mal gesehen habe. Ich habe alles an seinem Spiel geliebt.


Liebe zu American Sports


Jetzt weiten wir den Blick. Du bist Musiker, aber auch Sportfan. Welche Sportarten begleiten dich — abseits von Baseball?

Ganz oben auf der Liste steht American Football, dann noch ein bisschen Fußball, NHL und NBA. Und natürlich Golf als aktiver Spieler, wenn ich mal dazu komme.


Fußball ist in Deutschland quasi Pflichtprogramm. Wie ist dein Verhältnis dazu — leidenschaftlicher Fan, gelegentlicher Zuschauer, oder eher jemand, dem der Hype manchmal zu groß wird?

Ich bin ja leider Hertha-BSC-Fan und so richtig schön ist das die letzten Jahre nicht gewesen. Dazu lebe ich inzwischen über zehn Jahre in Hamburg und es ist schon ein großer Unterschied, ob man regelmäßig live dabei sein kann oder nicht. Meine eigentliche Liebe galt aber schon immer den US-Sportarten. Da genieße ich dann auch ein bisschen mehr Ahnung zu haben, als bei Konversationen über Fußball.


Chris Rodriguez von Revolverheld kuratiert ab sofort eine Playlist für Innings / (c) Germaine Nassal
Chris Rodriguez von Revolverheld kuratiert ab sofort eine Playlist für Innings / (c) Germaine Nassal

American Football und Basketball haben in Deutschland in den letzten Jahren massiv zugelegt — der Super Bowl als Popkultur-Event, NBA-Ästhetik überall in der Streetwear. Spürst du das auch in der Musikwelt? Dass bestimmte Sportarten einfach Teil des kulturellen Vokabulars geworden sind, das Musiker benutzen?


Da sind für mich die US-Sportarten auf jeden Fall eher maßgebend. Sei es durch Caps oder Trikots oder Vintage-Merch. Da ist schon einiges dabei. Teilweise werden Anglizismen auch metaphorisch auf die Musik benutzt. Johannes Strate, Sänger von Revolverheld, ist auch begeisterter Sportfan — da geht es sogar so weit, dass wir den letzten Song der Playlist unseren Closing-Pitcher nennen. Das gefällt mir natürlich sehr gut. Gibt es einen Sport, dem du heimlich folgst, den kaum jemand auf dem Schirm hat? Etwas, das dich fasziniert, obwohl  oder gerade weil es keine Mainstream-Aufmerksamkeit bekommt?

Die Beschreibung passt auf jeden Fall am meisten auf Baseball.


Sport als kultureller Spiegel


Innings positioniert Baseball nicht als Nischensport, sondern als kulturelles Phänomen — Fashion, Musik, Film, Community. Gibt es einen Sport, der für dich kulturell besonders viel bedeutet?


Meine Antwort ist immer wieder Baseball. Für mich war es immer genau das. Wenn ich mich an meine Jugend und junges Erwachsensein zurück erinnere, ist da immer Baseball. Der Sport, die Wochenenden auf dem Platz, meine Freunde aus der Mannschaft, die Filme, die wir geschaut haben, die Spiele, die wir gezockt haben und sogar die Karten, die wir gesammelt haben.


Sport und Musik teilen etwas Entscheidendes: Sie schaffen Momente, die kollektiv erlebt werden und trotzdem sehr persönlich sind. Ein Konzert, ein entscheidendes Spiel — beides kann Menschen auf eine Art zusammenbringen, die sich kaum erklären lässt. Erlebst du das ähnlich?


Auf jeden Fall. Wenn ich früher von meiner Zukunft geträumt habe, war ich genau so oft Profi-Sportler wie Musiker. Nur, dass es in keinem Sport auch nur im Ansatz gereicht hätte! Was mir aber ganz gut gefällt ist, dass ich Musik hoffentlich bis ans Ende meiner Tage machen werde und dass man meistens nicht verlieren kann!


„You Only Get What You Give“


Was erhoffst du dir von dieser Playlist für Innings? Soll sie Leute zum Sport bringen — oder eher zeigen, dass Baseball schon längst in der Musik angekommen ist, ohne dass es jemand gemerkt hat?


Im Idealfall beides ein bisschen. Vor allem soll sie ein bisschen wiedergeben, dass Baseball eigentlich ein Sport für jeden sein kann. Ein Baseballspiel ist viel mehr als nur der Wettkampf — mit der richtigen Musik und den richtigen Snacks wird jedes Baseballspiel, egal auf welchem Niveau, zu einer Party, egal, was grad auf dem Platz passiert.


Und last but not least: Wenn Baseball ein Song wäre — welcher wäre es?


„You Only Get What You Give“ von den New Radicals. Einfach weil der Song mich an eine sehr unbeschwerte Zeit erinnert, in der Baseball eine sehr große Rolle gespielt hat.

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